Boehse Onkelz
... was man der Band weiterhin hartnäckig und widerwärtig unterstellt. Für die Alt-Fans der Onkels gelten sie gar nun ihrerseits als geschlagen mit dem "Signum des Verrats". Als dieses konnte man das demonstrativ-abkehrende Wachsenlassen der Haare interpretieren, so wollte es wohl auch verstanden werden. Von den Medien, der Tagespresse kilogrammweise (Röhr: "Ich habe mindestens 30 Kilogramm nur Zeitungsausschnitte über uns, in denen uns das Wort im Munde umgedreht und Lügen verbreitet wurden. ") verunglimpft, wurden die Böhsen Onkelz so hartnäckig als "Naziband" hingestellt, daß man Böswilligkeit und vorsätzlichen Rufmord unterstellen muß. Ohne je eine Platte gehört zu haben, wurde da Aufgeschnapptes, Unrichtiges, Halbwahres breitgetreten, das der Band einen gloriosen Heiligenschein von Märtyrern verpaßte, zu dem genauso wenig Anlaß bestand. Richtig ist wohl, daß die Böhsen Onkelz jahrelang zum Integrations- und Sympathieträger, ja zu regelrechten Idolen von Fußball-Fans, Underdogs, Skinheads, Streetgangs, Außenseitern und Randgruppen zählten. Und damit meine ich eigentlich all jene, die in dieser, unserer Ellenbogengesellschaft, in der Erfolg die Moral lange schon ersetzt hatte, Liebe und Gefühle nicht gefördert, sondern unterdrückt werden, irgendwie zu kurz gekommen sind. Kinder aus den sozialen Niederungen, die mit wenig oder keiner Liebe aufwachsen, spucken, schlagen, treten... Ohne Liebe entsteht der Abwehrmechanismus der Seele, und der lautet HASS. Einsame, Außenseiter und von mir aus auch Radikale hatten mit den Onkelz "ihre" Band. Mit den Songs dieser Band vielleicht auch ein Ventil. Zahnärzte, Bänker, Postbeamte oder Politiker, egal welche soziale Schicht: Haß und Radikalität ist keiner von ihnen fremd. Sie leben dieses Resultat emotionaler Fehlfunktion oft nur subtiler und unauffälliger aus. Ich habe hier nicht den Raum, das näher zu erörtern. Aber auch Lüge und Verleumdungen mittels gedruckter Worte sind Instrumente von Aggression und Haß (auf Dinge, die man nicht kennt). Und so kann man die hartnäckigen Darstellungen der Onkelz in der Presse durchaus bezeichnen. Denn zum rechten Spektrum wurde die Band unverändert gerechnet (musikalisch-textlich auf jeden Fall ohne Berechtigung). Vielleicht wegen ihres Labels Rock-O-Rama, das mit einigen Veröffentlichungen einen rechten Ruf erlangte. Nach diversen Punkscheiben sprach niemand in Rock-O-Rama von einem linkslastigen Label, nach den paar albernen Onkelz-Scheiben und ein paar weniger albernen Störkraft-Scheiben war der Ruf des Rechts-Labels auf einmal da. Von dieser Firma trennten sich die Onkelz nach Auslaufen ihres Vertrages, da ihnen die Gesellschaft inmitten deutlich als solcher erkennbarer rechtsradikaler Bands nicht behagte, jedoch auch, weil R-O-Rama-Chef Herbert Egoldt den Zaster nicht herausrückte, der den Onkelz aus den beträchtlichen Verkäufen zustand. Diese kamen trotz (oder wegen) flächendeckenden Verkaufsboykottes großer Handelsketten/Kaufhäuser zustande. 1987 debütierten die Vier mit ihrer vierten LP, "Onkelz wie wir", auf dem hessischen Kultlabel Metal Enterprises des bekannten Produzenten Ingo Nowottny (mit Berliner Herz und Schnauze). Wichtigstes Gestaltungselement der künftigen Scheiben sollte eine stellenweise recht hemmungslose Selbstbeweihräucherung werden. Beim Opener "Onkelz wie wir" folgt harmlosen Gitarrenklängen unschuldiges Stimmengewirr vom Kinderspielplatz, in das Kevin mit langanhaltendem, dreckig-diabolischem Gelächter einfällt. Ohne erwähnenswerten Sinn werden textliche Bruchstücke aneinandergereiht, in denen dich Kevin fragt, ob du als Kind Mamas Kleider probiert hast, vor dem Spiegel onaniert hast (Text: Ego-Erotiker Weidner), Schwesters Puppen massakriert hast. Belangloses Beiwerk, die Zensurbehörden zu foppen (gelungen), um im machtvollen Refrain lautstark zum Punkt zu kommen: "Onkelz wie wir, die phantastischen Vier!". Was die Vier im nächsten Song erleben, "Glas für Glas wird sie immer schööner, Glas für Glas sieht sie immer besser aus... komm doch bitte mit zu mir nach Haus", kennt jeder aus dem eigenen Erleben ("Bitte" habe ich allerdings noch NIE gesagt, ihr Schleimer). Sehr gelungen der folgende Song "Erinnerungen", welche von Klasse-Piano (Stefan Witzel) eingeleitet werden: "Hast du wirklich dran geglaubt, daß die Zeit nicht weitergeht, ...daß sich alles um dich dreht? Man hat sich reichlich gehaun, viel Alkohol, viel Frauen, von der Wirklichkeit entfernt, ich erinnerï mich gern an diese Zeit, eine Zeit, die man nie vergißt, doch ich muß mein Leben leben, meinen Weg alleine gehïn, machïs gut, du schöne Zeit, auf Wiedersehen... es war nicht alles Gold, was glänzte, und doch, es war schön... ". "Über den Wolken muß die Freiheit wohl grenzenlos sein" vermutete vor Jahren ein gleichrangiger Bekenntnisposer namens Reinhard Mey. Die Onkelz wissen es noch etwas genauer und berichten in "Bomberpilot" auch, warum: " Über den Wolken fühl' ich mich zuhaus, ich suche mir hier oben die schönsten Plätze aus, ich weiß, es ist gemein, doch die Welt ist viel zu klein, also laß ich bombardiern, also laß ich bombardiern, ich bin Bomberpilot und ich bringe euch den Tod..., zehntausend Meter, schneller als der Schall, schau ich meinen Bomben nach und warte auf den Knall... zerstörn ist alles, was ich kann, und sehï ich was, was mir gefällt, fange ich zu bomben an, ich bin Bomberpilot, ich bringe euch den Tod" - Ein Ohrwurm und Hit zugleich, der Jugendlichen vor allem deshalb so gut gefällt, weil sie sicher sein dürfen, daß er ihren Eltern/den Erwachsenen NICHT gefällt! Wir sind "Dick und durstig" (wir warïn schon immer etwas kräftig, am Tresen fühlïn wir uns zuhaus, Schnaps und Bier...) ist eine weitere Trinkerhymne, der sich Bekenntnis des Stückes "Falsche Propheten" anschließt: "Ganz egal, wie ihr auch heißt, jeder Gott hat seinen Preis, ich gebï meiïm Leben einen Sinn, ich gebï mich ganz den Onkelz hin, ,Zehn Geboteï lassen uns kalt, nur leere Worte, wir sind Priester der Gewalt... ,Liebe Onkelz macht mich fromm, euer Wort will ich verkünden, ich sauf nur noch, ich rauf nur noch, nur für euch will ich noch sündenï... Wir sind Priester der Gewalt". Auch die anderen Songs, "Am Morgen danach" (..." immer wieder schwör' ich mir, es war das letzte Mal"), "Schöner Tag" (es ging schon wieder: "zum Saufen braucht man keinen Grund, ich steck' die Flasche in den Mund") oder "Heut Nacht" haben eines gemeinsam: es sind musikalisch exzellente, teils brachiale Ohrwürmer, die wie gewohnt eine PERFEKTE STIMME vorträgt. Die Texte sind weder als Provokation gedacht, noch enthalten sie irgendeine Pose. Sehr gutes Teil. "Priester der Gewalt" sind amerikanische Gruppen noch in ganz anderer Schärfe geworden. Da sind die hier harmlos. Das fiel auch schon bei den bisherigen Werken der Band auf, sie können Songs schreiben, von deren eingängig-markanter Qualität andere (Deutsch) Rocker nur träumen können. "Onkelz wie wir" ist in gewisser Hinsicht also auch ein "Best of" -Album geworden: Kein Ausfall, keine schwache Passage. Zum irreführenden Zeitungsecho trug auch die Metal-Presse bei. Im seinerzeitigen Marktführer "Metal Hammer" las man: "Die Böhsen Onkelz haben ein Album herausgebracht, das ganz sicher seine Reize hat, eine eigenwillige Mischung aus Speed- und Thrashelementen, Rockïn Roll, Punk und Heavy Rock mit deutschem Gesang. Eine Kombination, die man als gelungen bezeichnen könnte, wenn da nicht altbekannte Nazi-Skins der härtesten Sorte hinterstecken, denen ich eine Bewußtseinsänderung nicht so ohne weiteres zutraue!" Die Rezension fand ein breites Protest-Echo unter den Anhängern der Band, die sich ihrerseits gleichfalls bei der Zeitschrift meldete. Im MH 1/88 hatten sie eine Seite Raum zu erzählen, warum sie Skinheads geworden sind, warum sie dies nun nicht mehr sein wollen, und der Rezensent unterzeichnete die Seite mit dem Schlußsatz: "Den Vorwurf, die Böhsen Onkelz seien eine Neonazi-Band, nehme ich nach diesem Gespräch ausdrücklich zurück." Ende 88 erschien die LP "Kneipenterroristen", deren Titelsong verkündet: "Mütter, sperrt die Töchter ein und rettet euren Sohn vor Kneipenterroristen, dem Schrecken der Nation; sind die Straßen menschenleer, und jeder Gastwirt ist in Kur, dann sind Kneipenterroristen auf Terror-Tour. Wir sind Kneipenterroristen und sind schwerstens tätowiert, wir ham immer einen sitzen, ganz egal, was auch passiert, Hausverbot heißt unser Motto, und Streit ist unser Ziel, jeden Tag ïne schlechte Tat, ist das zuviel? Siehst du Wirte schwitzen, siehst du Gäste panisch fliehen, dann haben Kneipenterroristen nichts Gutes im Sinn. Kneipenvandalismus steht auf unserer Fahne, Kneipenterroristen kennen keine Gnade...". Das folgende Lied "Religion" drückt die Meinung vieler Jugendlicher präzise aus: "Wie eine ungekrönte Macht regierst du jedes Land, im Namen deines Vaters faltest schleimig du die Hand, deine Geschichte ist eine blutige Spur. Du nennst es Glaube und führst Kriege dafür. Religion - Religion - nur ich bin nicht dein Sohn. In deinem Namen wurden Menschen verbrannt, du Schizophrenie unter heiligem Gewand.. Ganz gleich, wie du dich nennst, welchen Gott du gerade verehrst, es ist doch nur die Macht, die du begehrst. Religion, sie sind alle deine Kinder, Religion, nur ich, ich kleiner Sünder, ich bin nicht dein Sohn..." Natürlich wird hier, wie immer bei ähnlichen Anlässen auch, nicht unterschieden, was der Glaube/Religion an sich bedeutet, und was irdische/geistliche Würdenträger in allen Jahrhunderten daraus gemacht haben (Buchtip: "Assassini", der Vatikan-Thriller von Thomas Gifford). Auch "Kneipenterroristen", die sich vorgeblich an der Theke wohlfühlen (so wie auch ich zwischen 18 und 26 Jahren), müßten diesen gravierenden Unterschied kennen, sie wollen ihn aber scheinbar absichtlich verleugnen. Wo die Sexualität ohne Liebe auskommt, sind Symbole und Fetische die tragenden Elemente der Lust. Die Onkelz wissen scheinbar Bescheid: "Lack und Leder" heißt ihre Hymne solcher Passionen. Das folgende Stück verspricht: "So sind wir" - Doch wie sie wirklich sind, das behalten sie natürlich für sich. Es enthält alltägliche Schwärmereien mit realistischen Bezügen: "Schon als Kindern war uns klar, jeder von uns wird ein Star, oder Millionär, das ist doch auch nicht schwer, dem Alkohol nicht abgeneigt, war es für uns auch nicht leicht, durch seiner Hände Arbeit wird man auch nicht gleich ein Scheich. So... so sind wir, so ist unser Leben, was kann es Schönïres geben, als ein Onkel zu sein. So vergingen all die Jahre, Spaß war da, doch fehlt das Bare. Jeder Traum geht mal zu Ende, nur wir warten auf die Wende. Wir spielen bis ganz Deutschland singt, bis im HR 3 erklingt, böse Menschen, böse Lieder, Böhse Onkelz immer wieder". Auch dieses Lied lebt von seiner eingängigen Melodie und dem Mitsingcharakter; Hitqualitäten haben diese verflixten Vier. Schwache Lieder scheinen die Frankfurter überhaupt nicht fabrizieren zu können. Auch "Tanz der Teufel" besticht in Wort und Ton: "Manchmal spürt man nicht, wie die Angst mit einem spielt, und du fürchtest dich vor Dingen, die es gar nicht gibt. Paranoid nennen sie dich, dich ziehtïs zum Wahnsinn, wie die Fliegen in das Licht. Tanz für mich den Tanz der Teufel, tanz ihn noch ein letztes Mal. Du möchtest schreien, doch du bleibst stumm, spürst du den Wahnsinn und die Angst um dich herum, reich mir die Hand, schenk mir dein Herz, und ich nehme dir den Schmerz." Ein vierminütiges Instrumental ist dem Ort vieler durchzechter Nächte gewidmet: "28". Mit dem folgenden Stück "Guten Tag" begrüßt dich ein alter Bekannter: "Guten Tag, erkennt ihr mich, wißt ihr nicht, wer ich bin, seht ihr den Haß in meinem Gesicht, ich nehme Leben jeden Sinn, ich zeige dir eine andere Welt, komm, reich mir deine Hand, ich bin das Böse tief drin in dir, ich nehmï dir den Verstand, ich bin das Schlechte, das in dir steckt, ich bin die Angst und deine Qual, ich bin der, der in dir die Dinge weckt, von denen du nichts ahnst, ich zeige dir eine andere Welt, komm, reich mir deine Hand, ich bin das Böse tief drin in dir, ich nehm dir den Verstand." Auch das balladesk beginnende "Nie wieder" ist kein Ausfall: "Du weißt, was es heißt, du kennst den Preis in diesem Spiel, das Leben heißt. Mach dich bereit, es kommt die Zeit, in der du wissen mußt, wie es weitergeht. Du hast den Dreck von der Gosse geleckt, du weißt, wie Scheiße schmeckt, du hast die Straßen gesehen, wie Freunde untergehen. Nie wieder, nie wieder, nie wieder Letzter sein. Du sahst es nicht ein, für Scheißï sperrt man dich ein, dieses Signum trägst nur du allein. Nie wieder, nie wieder, nie wieder Letzter sein, nie wieder ganz unten sein." Vier vertonte Gedenkminuten sind "Freddy Krüger" gewidmet, einer Horror-Kultfigur Mitte der 80er Jahre, der man mit 26 Wiederholungen den Garaus machte. Die Jahre, in denen die Band oft zum Gegenstand verleumderischer Erörterungen wurde, haben den inneren Zusammenhalt positiv beeinflußt, die Freundschaft scheinbar für immer zementiert (wenn nicht eines Tages finanzielle Streitigkeiten auftauchen sollten). Diesem Bewußtsein trägt die abschließende Heinz Rühmann-Coverversion "Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt" Rechnung. Eine weitere Scheibe mit Ohrwürmern und Onkelz-Hits war den "phantastischen Vier" gelungen, die unverändert/bewußt offen ließen, wieweit/bei welchen Anteilen das Bürgerschreck-Image der "böhsen" Jungs von nebenan auf Ironie oder Realität basierte. So was trägt zur Mythenbildung bei, und an der hat der Band immer gelegen. Zur Selbstglorifizierung bot sich 1990 ein hervorragender Anlaß: Das 10-jährige Bandjubiläum stand an: "Es ist soweit" hieß die 90er LP, die zu einer würdigen, musikalischen Feierstunde dieses Ereignisses wurde. Der treffende Opener "10 Jahre" saß einmal mehr, wie Kneipenterroristen-Fäuste auf "Pseudojournalisten" - Augen: "TAG, IHR LÜGNER - ihr wißt schon, wen ich meine. Ich mein' die Medien, die großen wie die kleinen. Wir warïn euch wohl nicht glatt genug, ihr könnt uns nicht verstehïn, zehn Jahre ging es ohne euch, auf die nächsten Zehn! 10 Jahre - die gleiche Scheiße, 10 Jahre - das alte Lied, 10 Jahre - und kein bißchen leise, 10 Jahre - Onkelz, wie man sie haßt und liebt. Hört nicht auf ihr Gerede, glaubt nicht ihre Lügen, Hirne voller Scheiße, die sich selbst betrügen, sie haben es versucht, doch es nie geschafft, ihre Lügen sind unsïre Kraft." Was für ein Ohrwurm, was für ein Hit, was für ein Gesang, was für eine Hymne! GENIALES TEIL! Der nächste Hit folgt mit "Nekrophil", einer Reminiszenz an die Makabritäten der ersten Scheiben: "Ein nackter Leib, ein wilder Kuß, totes Fleisch, das kalt sein muß, ihr Duft von Fäulnis, der mich betört, Worte von Liebe, die sie niemals hört. Bin ich Mensch oder bin ich Tier, oder bin ich nur so wie du? Ein nackter Leib, ein böses Lied, eine Lüge, ein kurzer Hieb. Daß ich sie liebe, erfährt sie nie, denn ich, mein Freund, bin nekrophil." Mit dem folgenden Song "Wilde Jungs" drückt man seine geheimsten Träume treffend aus: "Wir sind der Schrecken der Nation" - Naja, Jungs, seid nicht sauer, dazu hat's nicht ganz gereicht. Terrorismus aus Kneipen heraus rüttelt nicht an den Festen der Nation. Trotzdem ein Text, in dem sich viele Jugendliche wiederfinden: "Wir waren jung und stolz, wir hatten nichts zu verlierïn, die ersten Tatoos, das erste Mal rastern, wir waren wilde Jungs, wir hatten viel zu lernen, oft fiel man auf die Schnauze beim Griff nach den Sternen. Wir sind wilde Jungs, wir haben nichts zu verlierïn, wir wollen alles oder nichts und haben schlechte Manieren, wir leben jeden Tag als wenn's der letzte wärï, wir sind der Schrecken der Nation, das ist doch auch nicht schwer. Mit dem Teufel im Leib, mit dem Kopf durch die Wand, mit schmutzigen Liedern verderben wir das Land, so lange, bis Johannes trinkt, bis Helmut dieses Lied mitsingt..." Aber die Onkelz sind vor allem Musiker, und als solche besser als alles, was ich im deutschsprachigen Sektor kennenlernte. Auch "Nichts ist für die Ewigkeit" gehört zu den musikalischen Sternstunden der Band, wäre auch mit Suaheli-Text zum Hit geworden. Als fragende Reflektion der Vergangenheit ist es wohl gedacht: "Glaubst du alles, was ich sage, glaubst du, du weißt, wer ich bin? Stellst du niemals Fragen, warum wir wurden, wie wir sind? Die Ironie, mit der wir spielen, die ihr so schwer versteht. Der Schatten im Verstand, der in jedem von uns lebt. Nichts ist für die Ewigkeit, nichts bleibt, wie es war, nur vier Jungs aus Frankfurt sind schon lange, lange da. Die Welt hat uns verlangt, sie hat nichts Besseres verdient. Habt ihr noch nicht erkannt, warum es Böhse Onkelz gibt? Glaubst du, daß ich Kinder töten kann, glaubst du, ich sei nekrophil? Denkst du, daß ich nur besoffen bin? Wie es ist, erfährst du nie. Die Welt hat uns verlangt, sie hat nichts Besseres verdient. Habt ihr noch nicht erkannt, warum es Böhse Onkelz gibt?" Na, das habt ihr doch schon erzählt: Weil ihr Stars werden wolltet, und Millionäre dazu. Da kommen wir später noch mal drauf zurück... Auch der Rest des Albums ist wohlklingende, vertonte proletarische Gebrauchslyrik, auch Tiefergehendes aus dem Drogenalltag, wie in "Hast du Sehnsucht nach der Nadel?": "...ich bin deine Religion, du rufst nach mir, ich bin bereit. Erst kommt der Rausch, dann tiefes Leid. Du stehst vor deinem eigïnen Grab, siehï hinein, bald kommt der Tag." Scheint von eigenen Erfahrungen geprägt zu sein, folgt man dem sich direkt anschließenden Lied "Paradies": "Da ist noch was, tief in mir drin, ein Schatten im Verstand, es ist wie ein Teil von mir, es hat mich in der Hand. Gedanken werden Früchte, die verdorben sind, es schickt mein Hirn auf Reisen, ich weiß nicht mehr, wer ich bin - Ich führ' dich in den Himmel, ich zeigï dir dein Paradies, ich laß die Engel für dich singen, ich zeigï dir dein Paradies - Du warst einsam, und ich hatte gïrade Zeit, dein Zustand ist nicht gut, manchmal gehe ich zu weit, sinnlos, so am Boden fühlst du dich nicht gut, die pure Angst umhüllt dich wie ein dunkles Tuch. Ich führï dich in den Himmel, ich zeigï dir dein Paradies..." - Nein, nein.., sie hatten/haben als Stückeschreiber wirklich Beachtliches auf dem Kasten, und es ist um so ärgerlicher, daß das Talent dieser Vier jahrelang in nebulösen "nazistischen" Verdächtigungen verhüllt blieb. Dieses Album, bärenstark wie seine Vorgänger, erschien letztmals unter Hellebarde und Morgenstern des Metal Enterprises-Signets. Grund waren Meinungsverschiedenheiten mit Labeleigner Ingo Nowottny um die Verteilung der Beute, die mit den Onkelz-Alben gemacht wurde. Man traf sich beim Kampf um die Geldsäcke einige Male vor Gericht. Verglich sich miteinander, als man sah, daß die Beute von Gerichten und Anwälten genauso schnell aufgefressen wäre, wenn man die Prozesse fortsetzte. Nowottnys Label behielt die Rechte am Backkatalog der Onkelz-Alben. Als die Onkelz ihre finanziellen Ersparnisse von den bisherigen Alben durchzählten, kam ihnen die lähmende Erkenntnis: Wir ham noch lange nicht genug auf der hohen Kante (um Deutschland vielleicht mal den Rücken zu kehren). Beim renommierten und alteingesessenen Frankfurter Label Bellaphon fanden die Onkelz eine neue Heimat. Dort erschien im Herbst 1991 das erste Produkt dieser Kooperation, die LP "Wir ham noch lange nicht genug". Der gleichnamige Opener weckt Hoffnungen: "Endlich wieder neue Noten, neue Schweinereien, fiese Lieder, harte Worte, so soll es sein... Wir ham noch lange nicht genug. Wo Genie und Wahnsinn sich verbinden, wo Worte nicht nach Lügen stinken, gibt es noch ïnen anderïn Weg, der steinig ist, aber den es lohnt zu gehïn." - Na denn... Erstmals kommt Enttäuschung und Langeweile bei den Onkelz auf. Zu hausbacken sind die Kompositionen ausgefallen, die zuvor ausnahmslos für packende, hartmetallische Hörerlebnisse sorgten. Geben denn wenigstens die Texte Anlaß zu Kurzweil und Zerstreuung? "Eine dieser Nächte" verarbeitet "alte Geschichten, neuer Glanz, nasse Küsse, so begannïs, Feuerwasser, die falschen Worte, Schlägerei, Blaulichteskorte..." - "Das ist mein Leben" könnte natürlich auch jedes anderen Leben sein: "...eine Reise durch den Wahnsinn, durch Licht und Dunkelheit, man muß wohl erst ganz unten sein, um oben zu bestehen, bis zum Hals in Scheiße stehen, um wieder Land zu sehen. Vom Himmel in die Hölle, von der Hölle ganz hinauf, ein tiefer Fall nach unten und die Treppe wieder rauf. Egal, was man erwartet, man bekommt, was man verdient, das sind Lieder, die das Leben schreibt, Schicksalsmelodien". "Nur die Besten sterben jung" gerät zur vertonten Hohlphrase der oft vertretenen These "Only the Good die young" - (Iron Maiden). Um zu den Besten, egal in welcher Hinsicht, zu gelangen, gehen immer Jahre ins Land, nach denen Niemand mehr jung ist. In "Ganz egal..." scheint "Der nette Mann" zu Besuch zu sein: "...ganz egal, was von dir übrig bleibt, ich möchte, daß du weißt, mein Geist ist etwas sonderbar, und du bezahlst den Preis. Ich bade dich in Angst, schenkï dir ïnen Marathon von Schmerzen, wieder spürï ich das Verlangen ganz tief in meinem Herzen, wenn du nichts sagst, kannst du nicht lügen, bald wirst du für immer schweigen, es wird mir ein Vergnügen sein." Genau das, was Feinde der Onkelz ihnen nicht zubilligen wollen, formulieren sie mit dem Lied "Zeig' mir den Weg": "...Jeder braucht die Zeit zum Lernen, man kommt nicht auf die Welt und sieht die Dinge, wie sie sind, jeder macht mal Fehler, große oder kleine, jeder macht mal Fehler, nur du machst keine." Etwas unverständliche Klage führen die Onkelz in dem Stück "Ach, sie suchen Streit": "Friedlich durch das Leben gehïn ist gar nicht mal so leicht, wieder steht so ein Idiot vor mir und fragt mich: ,Suchst du Streit?' - ,Ich bin doch nicht zum Spaß hier', sag' ich, ,kann man das nicht sehen? Einer von uns beiden muß jetzt gehen. Ach, sie suchen Streit, ach, sie suchen Streit, es ist wieder mal so weit, sie suchen Streit.ï" Soo alt war das Lied "Kneipenterroristen" ja nun auch noch nicht, in dem sie sich selbst zu "Priestern der Gewalt" ernannten, die selber keinem Streit/keiner Schlägerei aus dem Wege gehen. Im Lied "Wir sind nicht allein" glaubt man erleichternde Gewißheit manifestiert, denn bei ihren Legionen von Fans sind sie dies ja auch nicht, handelt aber von außerirdischen Zivilisationen (wie intelligent die sind, merkt man daran, daß sie NICHT mit uns in Kontakt treten; würd' ich auch nicht tun). Eine Ode für die vielen treuen Fans verspricht: "Wir sind immer für euch da": "Hier kommt die Kirche des Wahnsinn, eure neue Religion, vergeßt, was einmal war, ich bin Gottes neuer Sohn, ich bin die Lüge und die Wahrheit, bin real und Illusion, ich bin die Hure in der Kirche, eine neue Sensation. Wir sind immer für euch da, ganz egal, was einmal war. Ich begrüße euch in meiner Welt, herzlich willkommen, sie ist verlogen und vulgär, böse und verkommen, du bist auch ein Teil von ihr, genau wie ich es bin...". Vielleicht ist ja "Wir ham noch lange nicht genug" das musikalisch/textlich ambitionierteste Onkelz-Album geworden, aber wo war bloß die Wucht, die Wut, die Kraft geblieben, vor der alle Songs (auch die Halbballaden) zuvor nur so strotzten? Wo waren die "Schweinereien, fiesen Lieder, harten Worte", die noch der Opener dieser LP versprach. Aus diesem Blickwinkel eine Enttäuschung! Da mußten sich die Onkelz für die Zukunft was einfallen lassen. EIN laues Album verkraftet jede Band mal. Das zahme/schwache Teil konnte den guten Ruf der Band (als exzellente Songwriter) jedoch nicht beschädigen. Im Gegenteil, es erklomm kurz nach der Veröffentlichung Platz 5 der (semioffiziellen) "Media Control"-Charts. Auch der (kaum noch berechtigte) schlechte Ruf der Band blieb erhalten: Bei einem Konzert in Berlin im Juni 1991 lieferte sich die Polizei eine Straßenschlacht mit Autonomen und ausländischen Jugendlichen, welche die Halle stürmen wollten. Gerade Autonome/Linke sind oft regelrecht verliebt in ihre "Feindbilder", können folglich nicht von ihnen lassen (Calvin Klein widmete ihnen einen Duft: "Obsession"). Hetze könnte man ihnen unterstellen, denn die beteiligten ausländischen Jugendlichen kannten die Onkelz garantiert nur aus den Darstellungen ihrer Gegner. Da ging es am 13.12.91 in Wien doch friedlicher zu. Bei diesem Konzert entstand der Anfang 92 veröffentlichte Mittschnitt "Live in Vienna". 19 Songs von allen Alben (außer "Der nette Mann") bei 70 Minuten Spielzeit. Auf dem Albumcover ein Konzertfoto, natürlich die Band auf der Bühne, im Fadenkreuz des Infrarotzielfernrohrs einer Attentäterflinte. Auch die Onkelz sind masochistisch verknallt in das "Public Enemy"-Image des "öffentlichen Feindes". 1992 erschien die LP "Heilige Lieder", welche mit Kirchenorgel und sakralem Frauengesang beginnt (GENIAL), bei dem die Nonne in höchsten Tönen für die Onkelz formuliert: "Wir ham noch lange nicht genug". Das Werk ist knapp ïne Stunde lang, 14 Lieder (CD mit Bonustrack), abwechslungsreicher Deutsch-Metal. Mit dem Opener und Titelsong sind die Onkelz wieder ganz die Alten: "Hier sind die süßesten Noten jenseits des Himmels, heilige Lieder aus berufenem Mund, wahre Worte im Dschungel der Lüge, das Licht im Dunkel, ein heiliger Bund. Wie disziplinlose Engel vom Teufel bekehrt, vom Himmel verbannt, doch auf der Erde verehrt. Wir Prinzen des Friedens sündigen gern, im Namen der Onkelz, im Namen des Herrn. Die Erde hat uns wieder, so wie sie uns kennt, MIT SCHEINHEILIGEN LIEDERN EROBERN WIR DIE WELT...HEILIGE LIEDER, HEILIGE LIEDER, JA, UNS GEHÖRT DIE WELT!". Paßt perfekt, der Refrain. Da versteht man zumindest, daß den Gegnern der Band da...